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Imlil Authentic Toubkal Lodge – zu Gast bei den Berbern

Die Straße, die wir befahren, schlängelt sich nach oben und wird immer unbefestigter. Felicia sitzt neben mir im Kindersitz und schläft. Wir sind im Tal von Imlil angelangt, etwa 60 km entfernt vom quirligen Marrakesch. Um uns herum gewaltige Berge. Der höchste Berg Nordafrikas, der Djebel Toubkal, liegt vor uns. Wir steuern jedoch nicht den Hauptort an, sondern schrauben uns weiter hoch in Richtung eines der kleinen Dörfer. Dann hält unser Fahrer an und bedeutet mir, auszusteigen. Ich bin entzückt, dass er noch einmal für ein Photo anhält, denn Gebäude sind in unmittelbarer Nähe zunächst nicht zu sehen. Ich irre mich jedoch. Wir haben unser Ziel bereits erreicht.

Unser Fahrer greift zum Handy um Lahcen, der in den nächsten Tagen unser Gastgeber sein wird, anzurufen. Der ist auch schon wenige Minuten später da, um mich, die mittlerweile erwachte Felicia und unser Gepäck abzuholen. Mit meinen noch ungewohnten Trekkingsandalen an den Füßen und Felicia in der Kraxe auf meinem Rücken folge ich Lahcen und muss erkennen, dass bereits der kurze Weg zu unserem Heim für die nächsten Tage schon eine kleine Herausforderung darstellt. Wirklich befestigte Wege gibt es nicht, vielmehr geht es auf und ab über Stock und Stein. Lahcen wirft einen Blick auf meine Füße und fragt, ob ich noch andere Schuhe dabei habe. Ich gestehe, dass ich mir diese Sandalen eigentlich extra für diese Station unserer Reise angeschafft habe und hoffe, dass dies dann irgendwie funktionieren wird.

Wir halten an vor einem Haus, das äußerlich nicht zu erkennen gibt, dass hier Gäste aus aller Welt beherbergt werden. Kein Schild, kein sonstiger Hinweis am Haus oder in der Nähe weisen die Imlil Authentic Toubkal Lodge aus.

Unser Gastgeber öffnet uns die Tür und führt uns eine Treppe nach oben. Im oberen Stockwerk befinden sich zwei Salons, mehrere Gästezimmer und eine Küche. Das Highlight jedoch ist der Ausblick von der Terrasse. Nie werde ich diesen Moment vergessen, als ich das erste Mal auf diese Terrasse trete und von der Schönheit des mich umgebenden Bergpanoramas fast erschlagen werde. Die Terrasse wird in den nächsten Tagen zu meinem absoluten Lieblingsort werden.

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Lahcen möchte, dass seine Gäste auch etwas über die Berberkultur lernen und so weiht er mich sogleich ein, in die Abläufe der Teezeremonie. Schon oft zuvor habe ich in Marokko einen Minztee wirklich genossen, aber dieser wird mir besonders gut schmecken. Zuvor schlüpfe ich jedoch noch in die Kleidung einer Berberfrau. Und so sitze ich also auf einer Terrasse irgendwo im Nirgendwo, umgeben von Bergen, die mehrere tausend Meter hoch sind und bereite unter der sehr geduldigen Anleitung meines Gastgebers einen marokkanischen Minztee zu. Felicia sieht aus, als könne sie das alles noch gar nicht glauben und irgendwie ist ihr die so unvertraut gewandete Mutter auch etwas unheimlich. Zum Tee werden traditionell Nüsse gereicht und so kommen wir bei Minztee und Nüssen langsam an in der Welt des Hohen Atlas.

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Unser Zimmer mit eigenem Bad ist liebevoll eingerichtet und auch kleine Details wie ein Föhn fehlen nicht. Es stehen Hausschuhe für uns bereit und wir werden mit frischem Obst, Wasser und Nüssen versorgt. Wir fühlen uns willkommen.

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An diesem ersten Tag brechen wir nicht mehr auf zu großen Unternehmungen, sondern genießen zunächst das Angekommensein.

Im unteren Geschoss wohnt Lahcens Bruder mit seiner Frau und vier Kindern, die ganz offen vor allem auf die kleine Felicia zugehen, die allerdings etwas überwältigt ist, von der Kontaktaufnahme der ihr fremden Kinder.

Es gibt keinen Fernseher und kein Internet. Digital Detox ist angesagt. Aber mal ehrlich: Wer braucht Fernsehen oder Internet, wenn er sich inmitten einer solchen Kulisse befindet.

Köstlich schmeckt uns das Abendessen, dass –darüber freue ich mich sehr- auf der Terrasse serviert wird. Wir sitzen auf dem Boden, ein bequemes Kissen im Rücken vor niedrigen Tischen mit allerlei wunderbar duftenden Schälchen und haben die Berge im Abendlicht vor uns.

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Unser Gastgeber setzt sich eine Weile zu uns, beantwortet unsere Fragen und erzählt ein wenig über die Idee, die hinter dieser Unterkunft steckt. Im Wesentlichen geht es darum, dass Reisende ein authentisches Erlebnis haben, die Gegend und die Kultur der Berber wirklich erfahren können. Dieses Haus soll kein Hotel, sondern ein Homestay sein. Statt einem anonymen Nebeneinander sollen die Besucher eine familiäre Atmosphäre vorfinden.

Wir besprechen, dass wir uns am nächsten Tag im Tal ein wenig umschauen möchten und Lahcen organisiert uns ein Maultier samt Treiber. Als er mit dem Rest der Familie zur Moschee aufbricht (es ist gerade Ramadan), bleibe ich mit Felicia noch auf der Terrasse sitzen, bis diese eingeschlafen ist und ich sie in unser Zimmer hinübertrage.

Wir schlafen wunderbar und fest und erwachen am nächsten Morgen herrlich ausgeruht. Bevor wir aufbrechen, dürfen wir noch ein gigantisches Frühstück auf der Terrasse einnehmen. Es fehlt an nichts und so können wir nun satt und zufrieden zu unserer ersten kleinen Tour aufbrechen.

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Lahcen hatte mir am Abend den Weg schon einmal erklärt und es klang alles einfach und machbar. Wie froh war ich, Hassan an meiner Seite zu haben. Er gehört auch zu Lahcens Familie und begleitet uns an diesem Tag mit seinem Maultier. Die ersten Schritte mit der Kraxe auf dem Rücken sind sehr unsicher und sobald die ersten Steinchen unter meinen Füßen rollen, bricht bei mir der Angstschweiß aus. Wenn ich falle, fällt Felicia mit mir, schießt mir durch den Kopf. Mit der Zeit gewinne ich etwas mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten und komme besser voran. Wir laufen zunächst oberhalb des Tals von einem kleinen Dorf zum anderen und ich kämpfe mit der Hitze, den Herausforderungen des Weges und den 17kg die ich auf meinem Rücken trage. Wir ernten viele interessierte Blicke auf unserem Weg. Die blonde  Frau mit einem noch blonderen Kleinkind in einer Kraxe auf dem Rücken und den vorsichtigen Schritten ist ein eher ungewöhnliches Spektakel. Ich werde entlohnt für meine Mühen durch atemberaubende Ausblicke auf die Berge des Hohen Atlas.

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Irgendwann geht mir die Puste aus. Felicia kann sich noch nicht alleine auf dem Maultier halten. So kommt es, dass wir beide für eine Weile unseren Weg auf dem Rücken des Maultiers sitzend fortsetzen. Dem Maultier ist der Weg vertraut und scheinbar stellen auch schwierigere Passagen kein Problem dar. Zuweilen wird es mir etwas mulmig beim Blick nach unten und ich murmele vor mich hin „Das Maultier kennt den Weg. Ich vertraue dem Maultier“. Sobald ich etwas zu Atem gekommen bin, steige ich ab und wir setzen unseren Weg zu Fuß fort. Wir sehen kleine Dörfer, Bergpanoramen, einen Wasserfall und die berühmte Kasbah du Toubkal, über die ich in einem meiner nächsten Artikel schreiben werde. Erneut ermüdet nehmen wir noch einmal auf dem Rücken des Maultieres Platz und legen die letzte Etappe zurück. Zwischendurch machen wir Station im Hauptort des Tales. Es ist gerade ziemlich ruhig in den Straßen. Wegen des Ramadans sind Restaurants und Cafés geschlossen und auch sonst läuft das Leben sehr behäbig ab.

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Hassan erklärt mir zwischendurch immer wieder, was wir gerade sehen und ich erfahre mehr über das Tal von Imlil. Er ist sehr geduldig und stets schnell an meiner Seite, wenn ich zu straucheln drohe.

Zurück in unserer Unterkunft sind wir erschöpft aber glücklich und obwohl wir gerade erst so viel gesehen haben, finden wir uns sofort auf der Terrasse ein und genießen bei leckerem Tee den Rest des Tages.

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Auch in der kommenden Nacht schlafen wir nach einem leckeren Abendessen gut und fest. Am Abend habe ich mit Lahcen verabredet, dass wir am Morgen erneut aufbrechen werden und diesmal schlägt er eine etwas weitere Tour vor. Ich bin skeptisch nach meinen ersten Erfahrungen, anderseits aber neugierig auf den in Aussicht gestellten Ausblick auf zwei Täler. Lahcen verspricht Hassan Bescheid zu sagen, damit er uns am nächsten Tag wieder mit seinem Maultier begleitet und das Ganze klingt nach einem guten Plan.

Auch der nächste Tag beginnt mit einem ausgiebigen Frühstück auf unserer Terrasse, auf der ich mich mittlerweile geradezu heimisch fühle. Der Wow-Effekt bei Betreten der Terrasse ist bislang nicht abgestumpft, sondern macht sich bei jedem Mal erneut breit.

Gemeinsam mit Hassan machen wir uns auf den Weg und ich stapfe entschlossen voran. Ich kämpfe erneut mit der Junisonne, dem Weg, dem Gewicht meiner Tochter und zusätzlich Rückenschmerzen, die sich langsam breit machen. Als wir bereits einige Zeit gegangen sind, kapituliere ich. In einem Wald angelangt beschließen wir, umzukehren. Ich bin wütend auf mich selbst und mein mangelndes Training, enttäuscht, das großartige Panorama zu verpassen und gleichzeitig ein wenig erleichtert, umkehren zu dürfen. Ein wenig peinlich ist mir das Ganze natürlich auch.

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Dafür dürfen wir an diesem Tag noch dabei sein, als im Hof unseres Hauses traditionell Brot in kleinen Öfen gebacken wird. Frauen aus dem Ort sind gekommen und wir sitzen mit Lahcens Bruder und seiner Familie im Hof und schauen zu, wie der Teig bereitet, gewalkt und zu flachen Broten verarbeitet wird, die dann im Ofen gebacken werden. Zwar ist Ramadan, aber für die Kinder gibt es dann sogleich frisches Brot mit Olivenöl und süßen Minztee dazu. Da lässt sich auch Felicia nicht zweimal bitten, sondern greift immer wieder beherzt zu. Obwohl mit vielen der Menschen, die uns in diesem Augenblick umgeben, die Verständigung nicht möglich ist (es wird Zeit für mich, Arabisch zu lernen), fühlen wir uns willkommen und eingebunden in das Geschehen. Auch Felicia entspannt zusehends und zeigt Interesse an den fremden Menschen um sie herum. Besonders hat es ihr der kleine Abdul angetan, der in seinem Gehfrei über den Hof rast.

Auch zum Abendessen dürfen wir uns noch einmal am vor unseren Augen gebackenen Brot laben und es schmeckt wunderbar. Nach unserem abendlichen Gespräch mit unserem Gastgeber bleiben wir noch eine ganze Weile auf der Terrasse sitzen.

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Am nächsten Tag heißt es Abschied nehmen von Lahcen und seiner Familie. Wir wollen weiter zur berühmten Kasbah du Toubkal, wo Felicia und ich die nächste Nacht verbringen werden. Ich packe das Nötigste zusammen. Unseren Koffer dürfen wir bei Lahcen zurücklassen und vor unserer Rückfahrt nach Marrakesch abholen. So ist der Abschied zunächst nur ein kurzer.

Die Imlil Authentic Toubkal Lodge ist ein spezielles Erlebnis. Falsch ist hier, wer gerne in einem anonymen Luxushotel mit möglichst wenig Kontakt zu anderen Menschen unterkommt. Wenig Freude wird auch haben, wer auf Fernsehen und Internet nicht verzichten will. Hier findet man eine familiäre Atmosphäre vor, wird eingebunden in das Geschehen und ist mittendrin und dabei. Die Zimmer sind einfach aber gleichzeitig fehlt es an nichts. Das Essen ist hervorragend, wenn auch immer mengenmäßig nicht zu bewältigen. Lahcen ist ein sehr angenehmer Gastgeber und Gesprächspartner und seine gesamte Familie ist sehr herzlich und gastfreundlich.

Wir haben die Tage sehr genossen und danken Lahcen und seiner gesamten Familie herzlich für ihre Gastfreundschaft.

Wer etwas trainierter ist als ich und/oder kein Kleinkind auf dem Rücken trägt, kann allerlei interessante Trekkingtouren verschiedenster Schwierigkeitsgrade von Imlil aus unternehmen. Ich werde zu diesem Zwecke zu gegebener Zeit auf jeden Fall zurückkehren – mal sehen, ob mein Trainingszustand oder das Heranwachsen meiner Tochter zuerst die Möglichkeit dazu bietet.

Offenlegung:

Wir waren auf Einladung drei Nächte zu Gast in der Imlil Authentic Toubkal Lodge

2 Kommentare

  1. wow das gefällt mir wirklich sehr gut. Ich hätte auch gerne so ein schönes Berber Kleid! Da würde ich gerne mal hinreisen. Digital Detox wäre für mich direkt mal notwendig! Marion von Geschichten von unterwegs.

    • felibrina sagt

      Es ist wirklich Entspannung pur dort. Zeit wird auch plötzlich total relativ. Zum Abschalten definitiv zu empfehlen 🙂

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