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Dar KamalChaoui – ein bemerkenswerktes Tourismusprojekt im noch unbekannten Bhalil

Es ist nach 2 Uhr nachts als wir den schönen neuen Flughafen in Fès verlassen. Ein Taxi soll uns abholen und uns nach Bhalil fahren, das etwa 30 km von Fès entfernt liegt. Überraschend werden wir dann aber von unserem Gastgeber Kamal  Chaoui selbst in Empfang genommen. Ich erkenne ihn sofort, da ich zuvor bereits einige Videos auf Youtube über und von ihm gesehen habe. Er führt uns zu seinem Auto und wir machen uns auf den Weg nach Bhalil.

Felicia schläft und ich bin aufgeregt, weil ich nicht weiß, was mich in Bhalil erwarten wird. Im Internet und den Reiseführern gibt es nicht allzuviele Informationen. Diese haben aber ausgereicht, um mich neugierig zu machen. Neugierig bin ich auch auf unseren Gastgeber, der mit viel Energie und Idealismus in Bhalil eine Art Tourismusprojekt erschaffen hat, in das er sich selbst fortwährend einbringt. Ich komme auf dieser Fahrt aber gar nicht groß dazu, mir weitere Gedanken zu machen, da Kamal mich sogleich mit vielerlei Informationen über die Gegend versorgt. Trotz der vorgerückten Stunde ist er bestrebt, mir unterwegs alles zu zeigen und mitzuteilen, was ihm für mich wissenswert erscheint. Und bereits auf dieser nächtlichen Fahrt zeigt sich, dass unser Gastgeber vielseitig interessiert und gebildet ist, mehrere Sprachen fließend und auch ein wenig deutsch spricht und es ihm ein Anliegen ist, Besuchern Bhalil und seine Umgebung bestmöglich zu erklären.

Irgendwann halten wir auf einem bewachten Parkplatz und legen das letzte Stück des Weges zu Fuß zurück. Dann sind wir da – vor unserer Unterkunft, dem „Dar KamalChaoui“ . Trotz der Dunkelheit fällt sogleich der farbenfroh gestaltete Eingangsbereich ins Auge.

Kamal zeigt uns unser Zimmer und gibt mir eine Karaffe und Gläser für Wasser. Er erklärt mir, dass das Leitungswasser in Bhalil unbedenklich getrunken werden kann.  Felicia schläft noch immer und ich lege sie zunächst ab, um für die Nacht die notwendigen Sachen auszupacken. Zwar habe ich Durst, aber irgendwie traue ich mich  noch nicht an das Leitungswasser heran – eine Skepsis, die ich später erfolgreich überwinden werde (das Leitungswasser in Bhalil ist gut verträglich und schmeckt super).

Später schlafen wir tief und fest in unserem bequemen Bett dem nächsten Morgen entgegen.  Am Morgen schaue ich zuerst aus unserem Fenster und möchte dann natürlich unbedingt auf die Dachterrasse um einen ersten Blick auf Bhalil zu erhaschen. Oben erwarten uns eine mit Weinreben überwucherte romantische Pergola mit bequemen Sitzgelegenheiten, eine üppige Pflanzenpracht  und ein Holztisch mit vielen Stühlen, der ebenfalls von Grün umgeben ist. Und natürlich die Aussicht auf Bhalil – und die hat es in sich. Der Ausblick macht bereits Lust darauf, sich später in den Gassen genauer umzuschauen. Wir haben uns für unseren Besuch die bislang heißeste Woche des Jahres „ausgesucht“. Im Laufe des Tages wird das Thermometer auf über 40 Grad klettern. Zunächst aber bekommen wir ein ausgezeichnetes Frühstück mit mehreren Sorten hausgemachter Marmelade. Wir haben dazu Platz genommen am großen Holztisch und lassen es uns schmecken. Den Vormittag verbringen wir erst einmal auf der Dachterrasse, später will uns Kamal ein wenig in Bhalil herumführen.

Felicia fühlt sich schnell wohl in der neuen Umgebung und erkundet jeden Winkel der Terrasse. Bevor unser Spaziergang losgeht, nehme ich mit Kamal noch einmal am Holztisch Platz und er erzählt mir ein wenig über sich, seine Geschichte und Bhalil und seine Pläne für den Ort.

Kamal hat lange in Europa gelebt, vor allem in Frankreich. Dort hat er Chemieingenieurwesen studiert und für ein großes Wirtschaftsunternehmen gearbeitet, zeitweise war er für seinen Arbeitgeber auch in Deutschland tätig.

In Europa hat er auch seine Frau Béatrice kennengelernt, die aus der Normandie stammt und mit der er mehrere Kinder hat.

Gemeinsam mit seiner Frau ist Kamal dann nach Bhalil gekommen und hat ein Projekt umgesetzt, das mit seiner bisherigen beruflichen Vita nicht viel zu tun hatte. Mit viel Liebe zum Detail baute er ein Haus in dem Ort zum Gästehaus mit vier Zimmern um. Jedes dieser Gästezimmer ist individuell gestaltet und verfügt über ein eigenes Bad. Eine Klimaanlage gibt es nicht, die ist wegen der Höhenlage aber auch nicht nötig. Selbst während der sehr heißen Tage unseres Besuches mit über 40 Grad Außentemperatur, lässt es sich im Haus gut aushalten.

Hilfreich zur Seite stand und steht Kamal ein Mann, der nicht einfach ein Handwerker, sondern vielmehr ein Künstler ist. Viele der Einrichtungsgegenstände im Haus hat er nach den Ideen Kamals erschaffen und jedes einzelne Stück gibt dem Haus ein wenig mehr Persönlichkeit.

Kamal erklärt, dass die ersten Jahre in Bhalil wirtschaftlich nicht einfach waren, es nach und nach aber besser wird. Mittlerweile haben er und das Gästehaus einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht und sind z.B. im Lonely Planet zu finden und auch der Guardian hat das Gästehaus bereits als eines der zehn besten in Fès und Umgebung eingestuft. Bei unserem späteren Rundgang durch den Ort werden wir feststellen, dass Kamal bei allen bestens bekannt ist. Er bringt sich und seine Ideen mit einer großen Portion Idealismus und einer scheinbar nicht endenden Tatkraft in das Leben der örtlichen Bevölkerung ein. Viele sind ihm dafür dankbar und respektieren ihn, bei anderen scheint all das noch nicht gänzlich angekommen oder sie wissen nicht so recht, was sie von alldem halten sollen. Von Kritik jedoch lässt sich Kamal nicht entmutigen, sondern geht seinen Weg weiter. Er verpasst Häusern einen neuen Anstrich, legt kleine Gärten an, fährt werdende Mütter zur Entbindung ins nächste Krankenhaus und setzt sich auch dafür ein, dass Bhalils Straßen sauber sind. Gerade letzteres scheint ein mühseliges Unterfangen. Wer häufiger nach Marokko reist, wird trotz aller Schönheit des Landes bemerkt haben, dass sich vielerorts überall Abfälle auf der Straße finden, was keinen zu kümmern scheint. In Bhalil versucht Kamal die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren und einen anderen Umgang mit Abfällen vorzuleben. Dafür stellt er Mülleimer auf und hebt auch , wenn er an einer achtlos weggeworfenen Verpackung vorbeikommt, diese auch eigenhändig auf und schmeißt sie in den nächsten Mülleimer. Auch finanziell bringt er sich in den Ort ein und beschäftigt für Arbeiten, die durchgeführt werden müssen, Leute aus dem Ort. Auch alle von ihm benötigten Produkte versucht er vor Ort zu kaufen.

So sitze ich ihm gegenüber am Tisch, zwischendurch essen wir gemeinsam mit Felicia Obst und selbstgemachtes Eis, und die Begeisterung für die Sache ist ihm deutlich anzumerken. Immer wieder stehen wir zwischendurch auf und er zeigt mir von der Terrasse aus einzelne Häuser, Gärten etc.

Dabei will Kamal bei seinem Ziel, Bhalil bei Reisenden bekannt und für diese attraktiv zu machen, nicht Monopolinhaber sein. Im Gegenteil, er würde es als Gewinn empfinden, wenn andere auch nach Bhalil kämen und sich in dieses Vorhaben einbringen würden.

Dar KamalChaoui wäre aber auch nicht vollständig ohne Naima, die überall im Haus wirkt. Ihre freundliche und offene Art machen sie sofort sympathisch und ihre Kochkünste werden nicht umsonst bei Tripadvisor und in anderen Portalen hochgelobt.

Kamal und Naima

Zum Zeitpunkt unseres Aufenthaltes ist Kamals Frau Béatrice nicht vor Ort. Sie ist derzeit mit dem jüngsten Sohn in Frankreich, um sich um dessen Ausbildung zu kümmern. Aber auch diese Herausforderung einer zeitweiligen Fernehe scheint Kamal gut zu meistern.

Trotz aller Hitze brechen wir auf, um Bhalil zu erkunden. Wir haben in unmittelbarer Nähe unserer Unterkunft das Glück, eine Höhlenwohnung besichtigen zu dürfen. In Bhalil gibt es viele dieser Wohnungen, die auch im Sommer kühl sind, und ich bin neugierig darauf, einige davon zu sehen.

Wir gehen sodann weiter und sehen immer wieder Frauen in Gruppen zusammensitzen. Für einen marokkanischen Ort sind auch auffällig viele Frauen auf der Straße. Kamal erklärt mir, dass die Frauen Knöpfe für Djellabahs herstellen und das Bhalil für diese Knöpfe berühmt ist.

Dann müssen wir unseren Rundgang abrupt beenden. Felicia ist müde, ihr ist heiß und sie will zurück und das tut sie auch lautstark kund. Meine Beruhigungsversuche scheitern und so brechen wir unseren Spaziergang schweren Herzens ab.

Abends kocht Naima ein fabelhaftes Abendessen, das ich gemeinsam mit Kamal und ihr einnehme.

Am nächsten Morgen mache ich mich mit Felicia früh auf den Weg, um wenigstens noch einmal durch die Gassen zu laufen und die Atmosphäre des Ortes in mich aufzusaugen. Ruhig und beschaulich ist es am Morgen. Vereinzelt kreuzen Passanten unseren Weg. Ich bin angetan von Bhalil und stelle fest, dass unsere Zeit hier viel zu kurz ist. Da hilft nur eins: wiederkommen !

Nach einem weiteren ausgiebigen und leckeren Frühstück machen wir uns gemeinsam mit Kamal auf dem Weg zum Bahnhof nach Fès, von wo aus unsere Reise weitergeht.

Wer Ruhe und Abgeschiedenheit sucht und einmal etwas Neues probieren möchte, der ist in Bhalil und im Dar KamalChaoui richtig. Es werden auf Wunsch auf Touren nach Sefrou und zu anderen Zielen in der Umgebung organisiert.

Die Zimmerpreise liegen bei etwa 70 Euro. Das wunderbare Abendessen ist für 18 Euro zu haben.

Wir sind begeistert von diesem Tourismusprojekt und empfehlen einen Aufenthalt in Bhalil gerne weiter.

Offenlegung: Wir waren auf Einladung für zwei Nächte zu Gast im Gästehaus DarKamal Chaoui. Unsere Meinung bleibt davon unbeeinflusst.

 

6 Kommentare

  1. Heinz Lehmann sagt

    Ein perfekter Reisebericht, sehr professionell, beim Lesen hat man fast das Gefühl, selbst vor Ort gewesen zu sein. Und die hervorragenden Fotos verstärken diesen Eindruck noch.

  2. Marion sagt

    Ein begeisterter und begeistender Bericht der dem unvergleichlichen Charme von Bhalil und Kamal gerecht wird. Kamal ist wirklich ein „grand petit bijou“ und er, Dar Kamal und sein Engagement verdienen es wirklich, bekannt zu werden. Vielen Dank Felicia

    • Liebe Marion, vielen Dank. Wir haben uns in Bhalil und bei Kamal gut aufgehoben gefühlt und finden auch, dass er jedwede Unterstützung mehr als verdient hat. Herzliche Grüße , Sabrina

  3. Ute Henning sagt

    Toller Bericht! Und wenn ihr dann wieder in Bhalil seid, kommt doch auf einen Tee bei mir vorbei. Ich habe das Glück seit fast 20 Jahren in diesem bezaubernen Ort zu leben. Kamal kenne ich auch und kann ihn und sein gastfreundliches Haus sehr empfehlen!

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