Essaouira, Neuester Artikel
Kommentare 4

Begegnung mit Essaouira – ein Gastartikel von Rüdiger Birkenbach

Dies ist der erste Gastartikel, der auf Felibrina veröffentlicht wird. Er wurde für euch verfasst von einem langjährigen Freund, der sowohl meine Reiseleidenschaft als auch meine Liebe zu Marokko teilt. Rüdiger Birkenbach aus Frankfurt schildert hier seine Eindrücke von Essaouira und gibt einen Einblick in seine dortigen Reiseerlebnisse in den 80er Jahren und heute. Auf meine Bitte hin hat er sich an den Computer gesetzt und seine Gedanken zu Essaouira niedergeschrieben. Das Ergebnis ist ein wunderbarer Überblick über all das, was man in Essaouira erleben kann, abgerundet durch eine Beschreibung persönlicher Eindrücke, die Essaouira für den Leser greifbar macht. Heute veröffentliche ich den ersten Teil – Fortsetzung folgt in Kürze.

Ich danke ihm insbesondere auch für diesen Artikel, da ich mit Essaouira bislang während meiner kurzen Besuche nicht so richtig warm geworden bin. Dies mag aber durchaus daran liegen, dass meine Aufenthalte stets nur von kurzer Dauer waren. Ich habe diemal lediglich die Fotos beigesteuert.

Und jetzt viel Spaß mit dem Artikel von Rüdiger.

Über diesen Ort kann man nichts wissen. Man kann ihn nur erfahren. Und wenn jemand den Wind nicht ertragen kann, der zur Stadt gehört wie der Algengeruch und der Schrei der Möwen, der sollte innehalten im logischen Denken und den Kunsttischlern zusehen, wie sie das eisenharte Wurzelholz aus der Thyia-Pinie bearbeiten. Dann würde er begreifen, dass die wesentlichen Dinge des Lebens nicht zu erzwingen sind.“ (Mohammed Sanoussi)

Ich reiste erstmals nach Essaouira Mitte der 80er Jahre. Lediglich mit einigen spärlichen Informationen versehen, von denen diejenige, dass Jimi Hendrix im Sommer 1969 einige Monate dort verbracht hatte, für mich gewiss die interessanteste war, kam ich in eine Stadt, die zu dieser Zeit unter Marokkoreisenden noch weitgehend als Geheimtipp gehandelt wurde.

Nach meinem Aufenthalt im brütend heißen Marrakesch, empfand ich den frischen Wind, der mir nach gut dreistündiger Busfahrt bei der Ankunft entgegenwehte und der der Stadt aufgrund seiner Dauerpräsenz auch den Beinamen Cité de Vent eingetragen hat , als wahren Segen.

In angenehmer Erinnerung ist mir auch die völlige Abwesenheit der so genannten Faux Guides geblieben. Diese zur damaligen Zeit in fast jeder marokkanischen Stadt überrepräsentierten selbsternannten Fremdenführer, machten durch ihre Aufdringlichkeit jegliches individuelle Auskundschaften einer Stadt unmöglich und ließen einen geplanten Spaziergang oftmals zu einem sehr unangenehmen Spießrutenlauf werden.

Nichts davon in Essaouira! Wie habe ich es genossen, entspannt durch die Gassen der Altstadt zu streifen, sich ungestört umzuschauen und relaxt in die orientalische Exotik mit ihren fremden unterschiedlichen Farben und Gerüchen einzutauchen. Noch heute, werden bei Spaziergängen durch die Medina Erinnerungen an diesen Abend in Essaouira wachgerufen. Unvergesslich geblieben sind die herrlich knusprigen Sardinen in frisch gebackenem warmen Fladenbrot an einem der vielen Garstände, die auch heute noch an gleicher Stelle stehen, und nach Feierabend stets von einer Menschentraube umlagert werden .

Es waren wohl diese ersten Eindrücke, die mein positives Bild der Stadt prägten. Bis heute mache ich auf meinen Marokkoreisen möglichst auch in Essaouira einige Tage Station.

Nun, was macht die Stadt so spannend und interessant?

Essaouira gehört mit seinen knapp 80000 Einwohnern eher zu den kleineren Städten und kann etwa im Gegensatz zu Fes oder Marrakesch nicht mit imposanten Baudenkmälern oder bedeutenden Palästen aufwarten. Es gibt lediglich ein recht interessantes Museum für Kulturgeschichte, das „Sidi Mohammed Ben Abdallah“, in dem Kleidungsstücke, Waffen und Musikinstrumente ausgestellt sind. Beeindruckend ist der alte Fischereihafen und die von den Portugiesen errichteten Festungsanlagen, sehenswert auch die gut erhaltenen drei Stadttore und die im Gegensatz zu anderen marokkanischen Städten völlig symmetrisch angeordneten Straßen, die der Altstadt ihr charakteristisches Stadtbild verleihen. 1995 wurde die Medina von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

In jedem Reiseführer werden zudem die kleinen Freiluftrestaurants erwähnt, die sich unten am Hafen vis a vis der Kaimauer aneinanderreihen und ein lohnenswertes Ziel für jeden Fischesser bilden. Von Sardinen über Seebrasse bis hin zum Lobster ist hier auf Tischen ausgebreitet, was der morgendliche Fang hergab. Der Gast kann seinen Fisch auswählen, der dann sogleich auf dem Holzkohlegrill frisch zubereitet wird. Des weiteren sei noch der recht breite Strand, das Meer und die fast 5 km lange Promenade erwähnt, die sich vom alten Hafen bis hoch ins vorgelagerte Diabat zieht.

Das alles kann bedingt durch die überschaubare Größe der Stadt in kurzer Zeit erkundet werden, macht jedoch nicht den eigentlichen Reiz Essaouiras aus.

Man sollte sich schon zwei, besser drei Tage Zeit nehmen, um für den Zauber der Stadt empfänglich zu werden, wobei die beschriebene Umgebung letztlich zur schönen Kulisse wird. Dieser Zauber speist sich, und das ist verglichen mit anderen marokkanischen Städten hier besonders auffällig, aus dem harmonischen Zusammentreffen einer muslemisch geprägten Kultur und bestimmten Formen eines anspruchsvollen Tourismus, wobei sich die meisten Touristen hier eher als Reisende begreifen. Diesem Phänomen liegt eine gewisse Weltoffenheit und Toleranz zugrunde, deren Ursachen möglicherweise in der multikulturellen Vergangenheit der Stadt zu suchen sind. So war die Stadt lange Zeit unter portugiesischer Herrschaft, später kamen die Franzosen, sehr wichtig auch die Jüdische Diaspora, die bis in die 60er Jahre die höchste in Marokko war.

Kreative Potentiale alternativer Lebensformen kommen hier ungestört zur Entfaltung und spiegeln sich in unterschiedlichen touristischen Aktivitäten wider. Reisende, die einige Tage am Stück in der Stadt verweilten, erzählen oft begeistert von den vielen Möglichkeiten, die Essaouira bietet; die Spannbreite reicht von mehrtägigen Biokochkursen über Kitesurfing bis hin zu nächtlichen Musiksessions am Strand.

Auffallend ist, dass in den Beschreibungen sehr unterschiedliche Vorzüge hervorgehoben werden. Für die einen ist es wegen des Windes der idealste Ort zu surfen, für andere wiederum Marokkos kinder- und familienfreundlichster Badeort, in dem fast alle Arten von Sport angeboten werden, andere schwören auf die pulsierende Kunst- und Musikszene. Wieder andere genießen einfach das Laissez-Faire als Flaneur auf der endlosen Strandpromenade.

Dass die Stadt noch nicht in die Hände von Spekulanten geraten ist, und die Tourismusmaschinerie noch nicht angesetzt hat, Entwicklungen zu manipulieren, lässt hoffen. Essaoira ist anders und im besten Sinne alternativ. Es ist in den letzten Jahren selbstverständlich auch gebaut worden, was sich aber erfreulicherweise bisher in Grenzen hielt, einige neue Hotels sind entstanden, die sich jedoch nicht negativ auf das Stadtbild auswirken, ansonsten liegt das Gastgewerbe in der Hand von Privatleuten, mehrheitlich Idealisten, die die landestypischen teils verfallenden Riads zu recht komfortablen und geschmackvollen Herbergen umgestaltet haben.

Geht man durch die Medina, entdeckt man kleine mittlerweile auch von Expats betriebene vegane oder vegetarische Restaurants, man stößt auf Kunstgalerien , in denen noch wirkliche Kunst präsentiert wird, weit entfernt vom üblichen Souvenirhandel. Man findet Werkstätten, in denen noch der Werdegang des Produkts nachvollzogen werden kann. Interessant sind die Schreinereren, in denen das Wurzelholz der Thujapinie verarbeitet wird. Ab und an immer wieder ein Stand, wo frisch gepresster Orangensaft angeboten wird oder duftendes Gebäck. Nichts wirkt hier protzig, unpassend oder aufgesetzt. Alles fügt sich harmonisch aneinander.

Natürlich locken solch städtische Gefüge auch Tagestouristen an, deren Zahl sich zugegebener weise in letzter Zeit merklich erhöht hat. Einige empfinden das mittlerweile als störend. Es ist aber auch so, dass die Touristenströme der Bedeutung einer Stadt nicht abträglich sein müssen, sondern diese eher indizieren; die Rezeption kann jedoch schwieriger werden, man denke an Venedig.

 

Essaouira als Filmkulisse

2013 wurde in der Medina das Maison de la Cinema eröffnet , nur ein Beispiel zahlreicher interessanter Projekte, die die Attraktivität Essaouira‘s weiter steigern; beim Durchblättern des aktuellen Programms stellt man beruhigt fest, dass Essaouira noch längst nicht im Mainstream anzukommen ist. Heute läuft z.B. „The Others“ ein Psychothriller des spanischen Avantgarde-Regisseurs Alejandro Amenabar, und auch die weiteren gelisteten Filme für den Monat Februar zeugen von erlesenem Geschmack. Die Filme werden im kleinen Kreise gezeigt, es bietet sich zudem die Möglichkeit, im angeschlossenen Restaurant zu speisen. Filmfans können sogar im Maison du Cinema übernachten, die Zimmer und Suiten sind alle individuell geschmackvoll hergerichtet und und nennen sich beispielsweise „Penelope Bedroom“ oder „Marcello“ bis hin zur „Nastassja Suite“ oder gar „Marilyn Grand Suite“.

Kommt man mit den Betreibern ins Gespräch, wird sicherlich auch die zunehmende Bedeutung von Essaouira als Drehort angeprochen. So fand Ridley Scott in der Medina die ideale Kulisse für das alte Jerusalem in seinem Film“ Königreich der Himmel“( 2005). Ein Boot aus dem Film kann noch heute im Hafen bestaunt werden. Auch Szenen aus „Games of Thrones“ wurden hier gedreht.

Eine spannende Trovaille für Cineasten ist sicherlich die Tatsache, dass Orson Welles hier 1951, die Stadt hieß damals noch Mogador, große Teile seines „Othello“ drehte, der dann später in Cannes mit der goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Viele Anekdoten ringen sich um den Film, der hauptsächlich von Welles selbst finanziert wurde, da die italienische Produktionsfirma zwischenzeitlich in Konkurs ging, Geradezu besessen kämpfte er um die Fertigstellung. Auch die Gage für“ Der dritte Mann“ ließ er sich komplett auszahlen und steckte sie in den Film. Es gibt im Internet noch eindrucksvolle Fotos von Welles während der Dreharbeiten, z.B. oben auf der portugiesischen Befestigungsmauer, in der Rechten hält er die legendäre Zigarre, links ein Glas Minztee. Er hat damals übrigens etwas abseits der Medina im Hotel des Iles gewohnt, welches auch heute noch existiert.

Musik in Essaouira

Neben den Filmen, sollte man auch die Musik erwähnen, die in Essaouira seit jeher eine besondere Rolle einnimmt. Ende der 60er Jahre kamen die ersten Hippies in die Stadt und mit ihnen wahrscheinlich auch die ersten westlichen Popsongs, die abends am Strand oder in den einfachen Herbergen auf Gitarren rezipiert wurden. Jimi Hendrix hat 1969 einige Wochen in einem kleinen Haus in Diabat gelebt, später kam noch Bob Marley.

Die angereisten Musiker ließen sich wiederum von den Klängen der Gnaoua inspirieren, die in Essaouira auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblickt, es ist die Musik schwarzer Stämme vor allem aus Mali und dem Niger, die über den Sklavenhandel in die Stadt gelangte. Sie wurde von den Sufi Bruderschaften interpretiert und weiterentwickelt und existiert bis in die Gegenwart vor allem in Form mystischer Tanzrituale bei nächtlichen religiösen Zeremonien, den „Derdebas“ oder „Lilas“.

In diesen meist in Privathäusern abgehaltenen, über Stunden anhaltenden, Seancen wird das in der Vorstellung der Gnaoua kosmogonische Weltgeschehen musikalisch und tänzerisch abgebildet. Die Veranstaltungen haben eine therapeutische Funktion und werden in der Regel von den Familienangehörigen körperlich oder psychisch kranker Menschen organisiert, in der Hoffnung, diese vom Befall böser Geister zu befreien. Bei der Derdeba-Zeremonie dominieren hauptsächlich 3 Instrumente, nämlich Kastagnetten, Schlagzeug und eine Laute, kombiniert mit einer stetig wiederholenden monotonen Gesangsphrase, die letztlich den bösen Geist hervorlocken und bannen soll. Das Ritual wird auch heute noch vor allem in den ärmlichen Häusern der Mellah, des ehemals jüdischen Viertels, praktiziert. Die für europäische Ohren recht unheimlich anmutenden Klänge hallen dann bis in die frühen Morgenstunden durch die engen Gassen der Medina.

Unbedingt erwähnenswert ist das seit 1997 alljährlich Ende Mai oder Anfang Juni über drei Tage stattfindende Festival d‘Essaouira. Anfangs mit dem Ziel gegründet, den Gnaoua-Musikern eine Plattform zu bieten und deren Musik einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, hat es sich im Laufe der Jahre zu einem der bedeutendsten afrikanischen Musikfestivals entwickelt.

Außer den Gnaoua, werden mittlerweile auch andere Musikrichtungen aus vielen Ländern Afrikas präsentiert, auch internationale Jazzgrößen wie Tony Allen, Pat Matheny oder Stefano di Battista, sind regelmäßig vertreten. In den Tagen des Festivals steht ganz Essaouira im Zeichen der Musik, über 100000 Besucher, viele auch aus Europa und den USA nehmen dann die Stadt in ihren Beschlag.

Es gibt über die Stadt verteilt mehrere Bühnen, eine auch unten am Strand. Unvergesslich geblieben ist mir das Konzert des amerikanischen Saxofonisten Kenny Garett von 2014 auf dem zum Bersten vollen Place Moulay Hassan, grandios auch der Auftritt der französisch-marokkanischen Sängerin Hindi Zahra, magisch die Atmosphäre, als sie mit ihrem unverwechselbaren Akzent ihren Hit „Beautyful Tango“ in die sternenklare Nacht hauchte.

4 Kommentare

  1. Ich durfte bisher zweimal in Essaouria sein und habe es sehr genossen: das erste Mal als Tagestourist und dann nochmal mit einer Übernachtung im Rahmen einer Fotoreise. Dort habe ich immer die „Entspanntheit“ (besonders im Vergleich zu Marrakesch), die Übersichtlichkeit und natürlich das Meer genossen und daher Essaouria in bester Erinnerung.
    Nicht nur aus der Sicht des „Knipsers“ möchte ich noch etwas ergänzen: der Sonnenuntergang bei der Festungsanlage war ein ganz besonderes Erlebnis – es waren auch viele Familien da, ein lustiges Treiben auf den Felsen bei Ebbe. Überhaupt sind die Media und besonders natürlich auch der Hafen am frühen Morgen und am Abend – außerhalb der (Tages-)Touristenströme – besonders interessant…
    Ich habe aber leider auch eine unangenehme Erfahrung mit den Fisch-Garküchen am Hafen machen müssen: die Mitarbeiter/Anwerber waren extrem nervig bis unangenehm bzw. einer sogar aufdringlich und unverschämt, als wir uns erstmal über Angebot und Preise informieren wollten – letztendlich haben wir dann dankend verzichtet, obwohl das Fisch- und Meeresfrüchte-Angebot sehr verlockend war…
    Als mögliche Alternative, die deutlich „verschlafener“ wirkt, aber mir fast noch besser gefallen hat, kann ich El Jadida empfehlen – eine kleine Küstenstadt am Altantik, ca. 1 Stunde von Casablanca und 3 Stunden von Marrakesch entfernt. Die Portugiesen hatten hier einen Stützpunkt und eine Hafenfestung – heute sehenswertes Weltkulturerbe und auch die Zisterne ist einen Besuch wert…

    • Danke, lieber Uli, dass du deine Erfahrungen hier teilst und insbesondere auch für den Hinweis auf El Jadida.

      Liebe Grüße
      Sabrina

    • ursula belser sagt

      Auch zu empfehlen Sidi bouzid ca. 5 km von El JADIDA entfernt , direkt an der Küste
      ein schöner ruhiger Ort .Ich wohne seit Januar 2017 da und habe ein schöne Haus mit Garten 5 Minuten zum Strand gemietet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*